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          Winter 1945
Aktualisiert  25. November 2024

 Es geschah an einem eiskalten Januarabend im Jahr 1945.
Frierend stand Joséphine Jordi auf dem Bahnsteig. Schneeflocken wirbelten durch die Luft und klebten in ihrem Gesicht und in den Locken. Das Kind auf ihrem Arm konnte nicht ihr eigenes gewesen sein, auch nicht ihre Schwester. Das Aussehen der Beiden war viel zu verschieden. Die vierzehnjährige Joséphine war eher brünett, mit einem schwarzen Krauskopf. Die erst zweijährige Sara war blass und einige blonde Strähnen schauten unter ihrer warmen Fellmütze hervor. Weiter an oder in das Bahnhofsgebäude konnten sie nicht. Viele, zu viele Menschen drängten sich hier. In der Bahnhofhalle, auf dem Bahnsteig und in der Wartehalle lagen oder hockten Menschen auf ihrem Gepäck am Boden. Andere waren eingedöst, in Wolldecken gehüllt. Alle diese, von Angst gezeichneten Menschen, wollten einen Platz im Zug. Alle wollten weg von hier, alle…fast alle, vor allem Mütter mit Kindern und viele ältere Personen. Sie waren auf der Flucht.

 Joséphine verfolgte mit ihrem Blick aufmerksam das Geschehen um sich herum. Ein grosser Koffer stand dicht neben ihr. Die Mutter der kleinen Sara wollte gleich wieder zurück sein. Sie wollte die anderen zwei Geschwister in dem bereitstehenden Zug unterbringen und dann Joséphine mit Sara und den Koffer holen. Diese wenigen Minuten aber erschienen Joséphine sehr lange. Die Hektik auf dem Bahnsteig steigerte sich. Eine eindringliche Stimme ertönte durch den Lautsprecher. Diese  Durchsage jagte die Menschen in den schon überfüllten Zug. Joséphine hörte die Durchsage deutlich, aber sie verstand es nicht. Es war nicht ihre Muttersprache. Der Gedanke, dass dieser Zug ohne sie und Sara den Bahnhof verlassen würde, war für sie entsetzlich.

 Dann plötzlich geschah es. Der Zug setzte sich langsam in Bewegung. Joséphine, von Angst und Schrecken ergriffen, sprang mutig und entschlossen auf das nächste Trittbrett des schon rollenden Zuges. Sie klammerte sich mit der linken Hand an den Griff und versuchte das Kind auf ihrem Arm noch fester an sich zu nehmen. Mit grosser Anstrengung, konnte sie sich und das Kind durch die Wagentüre zwängen. "Aber, aber kleines Marjelchen,* dass war wirklich sehr gefährlich", rief ihr die alte Bäuerin noch zu, die ihr bei diesem gefährlichen Manöver geholfen hatte. Joséphine erwiderte mit einen hastigen "Merci, merci beaucoup de vous être donné tout ce mal !" Sie hatte es geschafft. Nur der Koffer war zurückgeblieben.

 Der Zug rollte jetzt schneller. Im dichten Gedränge stand sie nun, wie ein Hering eingepresst. Der Feind, die Tiefflieger durften den beleuchteten Zug auf keinen Fall entdecken. Deshalb wurde die spärliche Beleuchtung ausgeschaltet. Eine unheimliche Stimmung herrschte im Eisenbahnwagen. Aufgeregte Menschen drängelten zwischen den mit unförmigem Gepäck verstellten Gängen. Sara schrie laut und eindringlich. Joséphine konnte das Kind nicht beruhigen. Sie war selber noch in grosser Erregung und sucht sich verzweifelt durch die Flüchtlinge zu zwängen. Sie suchte die Mutter der Kleinen. Diese musste doch irgendwo sein. Die Mutter und die zwei Geschwister von Sara, wo waren sie nur? Hatten sie einen Platz gefunden? Vielleicht in dem nächsten Wagon? Also versucht Joséphine sich langsam nach vorne zu verschieben, sich durchzudrängen.

 Eine dunkle Schneelandschaft zog an den Fenstern vorbei. Aber keine friedliche Winterlandschaft. Man hörte das Rattern der Räder und aus der Ferne die Einschläge der Kanonen. Man erkannte tote Soldaten, die verstreut im Schnee lagen, Pferdeleichen und verlassene, zerstörte Häuser. Hier hatten Kampfhandlungen gegen die Zivilbevölkerung stattgefunden. Hier waren Menschen vertrieben worden. Hier waren Mütter, Kinder und Grosseltern von ihrem Zuhause verjagt worden, deren Väter im Krieg ihr Leben einsetzen mussten. Furchtbare Bilder, traurige Bilder, die wie schwarze Schatten vorbeizogen. Es war eigenartig, bedrückend ruhig im dunklen Zug. Nur Sara beruhigte sich nicht, immer wieder schrie sie laut und eindringlich: “Mami, Mami!“

 Mit ängstlichen Blicken sucht Joséphine weiter nach Saras Mutter. Endlich entdeckte sie sie, weiter vorne im Abteil. Das furchtbare Schreien “Mami, Mami!“  war nicht zu überhören.  Dann konnte sie das Kind der Mutter in die Arme legen. Die drei Geschwister waren wieder beisammen, bei ihrer Mutter. Joséphine, die junge Heldin, fand noch einen Platz. Eingeklemmt, zwischen Koffern und Rucksäcken, kauerte sie sich müde und erschöpft hin. Der Zug fuhr fast lautlos durch eine eiskalte, grausam verunstaltete Winterlandschaft.

 Joséphine wurde sich erst viel später bewusst, welche liebevolle, uneigennützige Tat sie hier vollbracht hatte. Dank ihrer mutigen Entschlossenheit war sie, mit der kleinen Sara, auf den fahrenden Zug gesprungen. Sie hatte ihr eigenes Leben riskiert, aber sie hatte dadurch auch das Leben der kleinen Sara entschieden beeinflusst, denn sehr viele Kinder haben während des Krieges ihre Eltern verloren. Noch heute werden in den Kriegen  Familien auseinander gerissen. Das ist sehr traurig, denkst du auch so?

Diese Geschichte ist leider wahr. Sie ist in Wirklichkeit auch hier noch nicht zu Ende. Vielleicht erzähle ich sie euch später einmal fertig.

Die Namen wurden geändert mit Rücksicht auf noch lebende Personen.
*Marjelchen: liebevolle ostpreußische Bezeichnung für Mädchen.

21. Januar 1945
Der letzte Eisenbahnzug verlässt Braunsberg.
25. Januar 1945 
Sowjetische Truppen erreichen Tiedmannsdorf.
Februar 1945  
Braunsberg wird durch sowjetische Luftangriffe weitgehend zerstört, die Bevölkerung wird zur Flucht aufgefordert. Der letzte Ausweg ist die Überquerung des zugefrorenen Frischen Haffs. Tausende verlieren dort ihr Leben. (Unser Hotel " Reichshof" wird nicht zerstört, es steht heute noch.
20. März 1945
Die Stadt wird von der Roten Armee eingenommen. Im August kommt sie unter polnische Verwaltung und heisst fortan Braniewo.

Teil 2

Der Zug, der hier in die dunkle Nacht fuhr erreichte  nie sein Ziel. Er wurde durch die Truppen der "Roten Armee" zurück gedrängt. Alle Anstrengungen dieser Flüchtlinge Ostpreussen zu verlassen waren umsonst. Einige Tage später scheiterten  auch die Fluchtversuche mit dem eigenen Wagen. Alle Privatautos wurden von der Wehrmacht  eingezogen.

So waren auch Joséphine, Sara und ihre zwei Schwestern wieder in Braunsberg. Die Wohnung der Familie war zum Glück noch nicht von anderen Flüchtlingen besetzt. Die  Grosseltern weit ausserhalb der Stadt, konnten sich nicht für eine Flucht entscheiden. Zuviel müssten sie zurück lassen. Trächtige Kühe, Pferde, viele Kleintiere und auch das Bauerngehöft samt den dazugehörigen Stallungen. Aber der Krieg ging weiter, die Kampfhandlungen rückten unaufhaltsam näher und umzingelten Ostpreussen.

Die Nacht war kalt und sehr dunkel. Keine Straßenlaterne verbreitete Licht. Kein Haus war beleuchtet. Unheimlich still erschien mir die Stadt. Zusammen mit meinen Geschwistern sass ich im Fahrradanhänger. Im Nachthemd, nur den Wintermantel darüber und eine Fellmütze auf dem Kopf, waren wir eng aneinander gekuschelt und mit unseren Bettdecken umhüllt. Unsere Mutter hatte uns vor einigen Minuten aus dem Schlaf geholt, eilig in den Anhänger gesetzt und war mit uns davon gefahren.

 Obwohl ich damals erst vier Jahre alt war, konnte ich erkennen wohin diese Fahrt ging. Alles entlang der Bahnhofsstrasse, irgendwann über die Gleise und dann entlang der Chaussee,  hinaus zum Bauerngut meiner Grosseltern. Meine jüngere Schwester Sara, sie war damals erst zwei Jahre alt, weinte und wollte zurück in ihr Bettchen. Die grosse Schwester, wusste wahrscheinlich warum wir hier unterwegs waren. Sie ging damals schon zur Schule. Mit ihren sieben Jahren war sie für mich die Grosse.

 Doch plötzlich schreckte ich zusammen. Die Sirenen begannen zu heulen. Es war ein Bombenalarm. Mutter fuhr so schnell sie konnte. Das Kindergeschrei und das Weinen im Anhänger durften sie nicht aufhalten. Es galt, so schnell wie möglich, aus der Gefahrenzone herauszukommen. Bei den Grosseltern, draussen vor der Stadt, hoffte Mutter auf mehr Sicherheit.

 Dann erinnere ich mich an den lauten, alles durchdringenden Fluglärm. Der Feind, die Russen überflogen die Stadt. Würde eine nicht verdunkelte Wohnung die Stadt verraten? Werden hier in meiner Heimatstadt, in Ostpreussen, Bomben fallen und viele Häuser zerstören? So weit dachte ich damals zum Glück noch nicht.

 Die ersten Panzer fuhren mit furchtbarem Geknatter und in eiligem Tempo durch die Strassen. Menschen sah ich keine, als meine Mutter mit uns eilig in den Kellerräumen verschwand. Verstecken! Verstecken, irgendwo schnell verstecken! Das war also der Feind.  Die dunkelgrünen,  grossen Panzer mit den langen Rohren vorne.

 Einige Zeit später waren wir im Auto unterwegs. Nein, es war kein Ausflug ans Meer, an die Ostsee nach Kahlberg, so wie ich es immer gewohnt war. Diese Reise war so ganz anders.  Alle waren aufgeregt und hektisch. Warum fuhren wir wieder in die Nacht hinein? In einem fremden Auto, ohne meine Mutter? Sara und ich saßen eingeklemmt auf dem Rücksitz. Es war so eng und unbequem. Joséphine fütterte uns mit Butterbroten.

Aber es reichte nicht für alle im Auto. So waren Hunger und Angst unser Begleiter. Das fremde Mädchen, welches auch noch im Auto war übergab sich einige Male und so wurde die Fahrt immer schlimmer. 

Auf dieser Reise, auf dieser Flucht  beeindruckten mich so viele schreckliche Bilder. Da faste ich in einer Nacht den Entschluss, dass ich zu allen Menschen gehen werde um ihnen zu sagen, wie schrecklich der Krieg ist. Ich dachte mir, dann werden sie mir zuhören und Kriege gebe es nie wieder. So naiv ... wie ich war mit meinen vier Lebensjahren!

Diesen Entschluss habe ich nie vergessen. Später in Berlin lernte ich viel aus der Heiligen Schrift, aus der Bibel. Ich lernte, dass es ein Gebot gab: "Du sollst nicht töten." Ich las in der Bibel, dass Nächstenliebe keinen Kriegsdienst duldet. So freute ich mich sehr über dieses Wissen und darüber es mit andern teilen zu dürfen.

Da Ostpreussen bereits von den Russen eingekesselt war ging die Fahrt der unzähligen Flüchtlinge über das Kurische Haff. Das Haff war zugefroren und so konnten die vielen Menschen nur noch über diesen einzigen Ausweg entkommen. Das tückische aber waren die leicht zugefrorenen Bombenlöcher in der Eisdecke. Später erfuhren wir, dass unsere Grosseltern in einem dieser Bombenlöcher fast ertrunken wären. Alle ihre Habe, die Lebensmittelvorräte und die warmen Kleider, die sie mit Pferd und Wagen zu retten glaubten verschwand im eisigen Wasser. Mit den nassen, gefrorenen Kleidern am Leib ging die Flucht für sie weiter. Aber sie lebten noch und waren dafür dankbar. Viele andere Menschen starben auf diesem Weg.

 Buch zum gleichen Thema: "An der Hand meiner Schwester" zwei Mädchen im kriegszerstörten Deutschland, von Bärbel Probert-Wright, erschienen im Weltbild Verlag.

 Teil 3
Geschrieben im Januar 2022

Heute als wir uns nach dem Lunch die neusten Corona Fall-Zahlen auf dem Smartphon ansehen wollten, ist in meinem Gedächtnis die Zeit aus dem Jahr 1944 in Erinnerung gerufen worden. Ich war gerade 4-jährig. Es war die Zeit, als der 2. Weltkrieg tobte. Damals war das Hören von ausländischen Sendern in Deutschland streng verboten. Deutsche Sender zu hören war sowieso völlig nutzlos, denn man erfuhr da nicht die Wahrheit über die Kriegssituation. Und ein Wissen um den wirklichen Verlauf der Kampflinien war für die Vorbereitung einer Flucht aus Ostpreussen, meiner damaligen Heimat, sehr wichtig.

Meine Mutter war sehr an wahrheitsgetreuen Informationen interessiert. Unser Vater war zu der Zeit in Frankreich an der Westfront, also trug unsere Mutter alleine die Last der Verantwortung für uns drei kleinen Mädchen.

So erfuhr ich später, was hier der Ausweg war, um richtige Informationen zu erhalten, es war der englische Sender BBC, der damals auch in deutscher Sprache ausstrahlte. Meine Mutter und einige vertraute Bekannte trafen sich oft in einer verdunkelten Wohnung, um dann ganz leise die Nachrichten zuhören. Es gab immer auch Nazispitzel, die solche Unternehmungen der Gestapo meldeten, was dann nicht ohne schwere Folgen war. 

 

Infos die ich zum Thema in Internet fand:

In Großbritannien blieb z. B. das Mithören dieser Sender ohne rechtliche Folgen; im NS-Staat musste man dagegen in vielen Fällen mit empfindlichen Zuchthausstrafen rechnen. Nicht wenige Deutsche bezahlten die (mündliche oder schriftliche) Weiterverbreitung von solchen Feindstaaten-Meldungen ab 1941 mit ihrem Leben.

 Andererseits wurde 1940 der deutschsprachige BBC World Service zur wichtigsten Informationsquelle für diejenigen Deutschen, die dem Einheitsprogramm des notorischen Lügners Goebbels nicht trauten und den Mut aufbrachten, so genannte „Feindsender“ zu hören.

 Im Zweiten Weltkrieg war die BBC, neben Radio Beromünster Schweiz, eine wichtige ausländische Informationsquelle für Millionen Radiohörer in Europa.

 

Stromsperre

Und hier noch eine kleine Geschichte aus meiner Kindheit zum Thema: elektrisches Licht.

Kurz nach dem 2. Weltkrieg 1946/1947 lebte ich in Mitteldeutschland in der damaligen DDR. Alle Lebensmittel waren rationiert und knapp vorhanden. So war auch die Versorgung mit elektrischem Strom für die Bevölkerung ein Problem. Deshalb galt für alle privaten Haushalte jeden Abend die „Stromsperre“. Um 19 bis 22 Uhr wurde der Strom in der ganzen Stadt abgestellt. Das war besonders im Winter eine krasse Angelegenheit. Aber wir Kinder empfanden es nicht so schlimm. Fernseher oder Computer gab es sowieso noch nicht und wenn vielleicht ein Radio vorhanden war… alles blieb stumm. Diese Abendstunden sind mir in guter Erinnerung geblieben. So war die ganze Familie beisammen. Wir Kinder lauschten die Berichte der Grosseltern … sie hatten immer viel zu erzählen. Die Flucht aus Ostpreussen und die damit verbundenen Erlebnisse waren noch nicht vergessen. Im Jahr 2022 kann man sich solche „Stromsperre“ nicht vorstellen.

 

Vergewaltigung  1944/1945

Wegen dem Krieg in der Ukraine ist diese Thema heute leider wieder sehr aktuell. (2022)

Die Angst vor Vergewaltigung, war bei den jungen Frauen wie ein Schreckgespenst ständig vor ihren Augen. Meine Mutter hatte eine Trick und dieser funktionierte. Wenn fremde Soldaten den Raum betraten, spielte sie verrückt oder krank.  Mit einem dicken Halstuch, rot geriebenen Augen und einem Nasstuch ausgerüstet, hustete sie vor sich hin. Die Russen hatten grossen Respekt vor einer Ansteckung mit Angina, Scharlach oder einer anderen Infektionskrankheit.

Andere Frauen versteckten sich in den reifen Kornfeldern, doch das war dann unter Umständen eine gefährliche Falle, den oft fuhren die Panzer einfach kreuz und quer über die Felder.

 

Eine grauenvolle Nacht (verfasst Mai 2022)

Im Fernsehen läuft eine Berichterstattung über die Ereignisse in der Ukraine. 
Soldaten sterben ... es sind Söhne ... junge Väter.
Hunger, Angst, Vergewaltigungen und Bomben. Nur wenige Stichworte, aber sie wecken meine Erinnerungen an das Kriegsjahr 1945.
Ich war 4 Jahre alt. Geflüchtet aus Ostpreussen. Die Russen hatten uns gewaltsam vertrieben. Jetzt lebten wir, unsere Mutter mit uns drei Geschwistern auf einem Bauernhof in Mitteldeutschland. Da erlebte ich eine grauenvolle Nacht. Ungefähr 10 Personen teilten sich das Zimmer und es war dunkel im Raum. Plötzlich erwachte ich, durch einen sehr lauten Knall.
Alle schrieen wild durcheinander. Was war passiert? Der laute Knall stammte aus einer Pistole, mit welcher ein Soldat mehrmals in die Zimmerdecke geschossen hatte.
Einige russische Soldaten hatten sich ins Haus geschlichen um zu plündern, sich Nahrungsmittel zu besorgen und um sich junge Frauen zu holen. Die Angst, die Ungewissheit und das Weinen meiner kleinen Schwester war schrecklich. Als schliesslich die Stalllaterne wieder angezündet war, konnten alle aufatmen, es war keiner verletzt oder getötet worden.

Wie viele Stossgebete in dieser furchtbaren Nacht gesprochen wurden weiss ich nicht, aber meine Mutter erzählte später immer wieder, dass das Gebet ihr Kraft gab weiter auszuharren und nicht zu verzweifeln. So endete diese furchtbare Nacht. 

Erst vor kurzen hatte meine Mutter erfahren, dass das deutsche Schiff "Wilhelm Gustloff" am 30. Januar 1945 von einem sowjetischen U-Boot in der Ostsee versenkt worden war. Rund 9'000 Menschen, meistens Flüchtlingskinder mit ihren Müttern starben im eiskalten Wasser. Wir hatten Glück, denn meine Mutter hatte sich geweigert mit diesem Schiff evakuiert zu werden.

Siehe Link:
https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/30-Januar-1945-Die-Wilhelm-Gustloff-wird-versenkt,gustloff120.html

 

Der Kanonenofen Text CW Oktober 2024
Was ist ein Kanonenofen?
Mit einem solchen Ofen, werden keine Kanonen abgefeuert.
In meiner Kindheit erlebte ich diese wahre Geschichte.
Nicole, meine Stiefmutter, erzählte mir dieses Erlebnis eines Tages am Telefon, als sie selbst schon über 85 Jahre alt war. Aus ihrer Stimme konnte ich entnehmen, wie diese Situation sie damals in Angst versetzt hatte.
Und mir ist dieses Telefongespräch wieder eingefallen, als ich die Sendung auf YouTube 7vs.WILD Staffel 4 Folge 5 sah. Ja, mit Feuer muss man aufpassen.
Schon im Struwwelpeter heisst es: "Lass sein, sonst brennst du lichterloh!"


Es war im Februar 1945 und der 2te Weltkrieg war noch nicht zu Ende. Wir lebten nach der Flucht aus Ostpreussen, irgendwo in Mitteldeuschland, auf einem einsamen Bauernhof. Kälte, Hunger und Angst waren die Themen der Menschen. Wir drei Mädchen im Alter 7, 4 und 2 Jahre, bewohnten einen kleinen Raum im Obergeschoss und hier stand der schwarze gusseiserne Kanonenofen.
Nicole, eine 14 jährige Französin, welche uns schon seit der Flucht aus Braunsberg begleitete und meiner Mutter eine grosse Hilfe war, lebte auch in diesem Raum. Sie spielte und fütterte uns und war ein liebevolles Kindermädchen, wenn unsere Mutter sich im Nachbardorf um etwas Essbares bemühte.


Der Morgen war eisig kalt und der dichte Nebel verdüsterte den kleinen Raum zusätzlich. Das Feuer im Kanonenofen hatte noch unsere Mutter entfacht. Sie konnte ein Feuer anzünden, denn als junges Mädchen hatte sie es auf dem Hof ihrer Eltern oft beobachtet. Auf dem Land wurde damals in der Küche noch auf einem Holzherd gekocht.
Dann gab meine Mutter der jungen Nicole die Anweisung zum Ofen zu schauen, um ihn nicht ausgehen zu lassen.
 

Jetzt waren wir mit Nicole alleine. Im Ofen knisterte es und das Feuer verbreitete eine angenehme Wärme. Aber nach einiger Zeit begann Nicole, die noch nie in ihrem Leben selber zum Feuer geschaut hatte, viele Holzscheite in den kleinen Ofen zu packen. Das Feuer sollte ja nicht ausgehen. Doch es war viel zu viel Holz, der Ofen überhitzte sich. Es war unheimlich, wie die Hitze aus allen Spalten und Türchen drang und rote Funken durch die kleinen Luftlöcher flogen.
Panik und unheimliche Angst überkamen die arme Nicole, so eindrücklich war das Geschehen. Das ganze Bauernhaus hätte abbrennen können und sie wäre Schuld daran gewesen. Offensichtlich war das nicht der Fall ... aber ihr Schreck war riesig.
Ich weiss nicht, wie die Situation ausgegangen ist. Doch soviel hatte Nicole gelernt, man darf nie zuviel Holz auf einmal ins Feuer geben.

 

 

 

 Der 2.Weltkrieg - Briefmarke aus Frankreich

Zehn Jahre Vertreibung, Briefmarke aus Deutschland

 

Literatur Hinweis


 

Rückseite  Endzeit 1945


Karte ... Sturm auf Ostpreussen  1945


Das Grauen. Zeichnung aus dem Buch Endzeit 1945




Rechts das Hotel Reichshof.
Unsere Wohnung befand sich in Haus gegenüber,
sie wurde 1945 vollständig zerstört.



Der Weg vom Hotel zum Gutshof meiner Grosseltern
 



 

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